Die Admirale befahlen ihnen zu kämpfen. Es herrschte Krieg und sie waren die Matrosen der kaiserlichen Marine, der Stolz des Kaisers und des Deutschen Reiches. Aber kämpfen wollten die Matrosen nicht mehr an diesem 3. November 1918 in Kiel – nicht für das Reich, nicht für den Kaiser, nicht für die Ehre. Der Krieg war bereits verloren und die Matrosen taten, was sich schon lange vorher in vielen kleinen Protesten und Unruhen angekündigt hatte: Sie verweigerten den Gehorsam und lösten eine Kettenreaktion aus. Sechs Tage später gab es kein Reich mehr und keinen Kaiser. Der Erste Weltkrieg war zu Ende und mit ihm die deutsche Monarchie.
Der Blick auf die Geschichte des Kieler Matrosenaufstands lohnt sich, um Ereignisse zu verstehen, die 2.200 Kilometer entfernt und 105 Jahre später stattfanden. Denn nicht alles, was als Meuterei beginnt, muss auch als Meuterei enden. Und was in Russland im Juni 2023 passierte, war eine Meuterei, eine Gehorsamsverweigerung.
Der Söldnerführer Jewgeni Prigoschin mobilisierte seine 25.000 Soldaten, nahm seine Panzer und seine Flugabwehr und besetzte das Hauptquartier der russischen Armee in Rostow am Don. Eine weitere Kolonne entsandte er Richtung Moskau. Diese Kolonne schoss Hubschrauber und ein Flugzeug ab. Sie fuhr und fuhr und nichts schien sie aufzuhalten. Viele dachten: Jetzt erlebt Russland einen Putsch.
Aber 200 Kilometer vor Moskau drehte die Kolonne ab und Prigoschins Söldner räumten das Hauptquartier der Armee in Rostow am Don. Prigoschin hatte mit dem Kreml verhandelt. Um Blutvergießen zu vermeiden, habe er die Aktion beendet, teilte er anschließend per Audiobotschaft mit.
„Eigenartig war der Marsch auf Moskau“, sagt Erica De Bruin, eine US-amerikanische Politikwissenschaftlerin vom Hamilton College, die seit Jahren zu Putschen, Aufständen und Rebellionen forscht. Meutereien spielen sich laut der Expertin normalerweise nur in einer Region ab. Wenn etwas besetzt werde, „dann für gewöhnlich die Kaserne, in der die Soldaten leben“, sagt sie. „Normalerweise gibt es diese Art von militärischer Aktion nicht.“
Erica De Bruin hat im Jahr 2020 das Buch „How to Prevent Coups d’État“ veröffentlicht. Darin zeigt sie auf Basis von Daten aus 110 Ländern und mehr als 60 Jahren, wie Regierungen sich besser gegen Putschversuche schützen können. Gerade forscht sie zur zunehmenden Militarisierung der Polizei weltweit.
War es also doch ein Putsch? Falls ja, war es der eigenartigste Putschversuch der Weltgeschichte. Denn welcher Putschist setzt erst die Panzer gen Hauptstadt in Marsch und hört dann auf, ehe er sie erreicht hat? Und überhaupt: Welcher Putschist beginnt seinen Putsch am Rande der Macht und nicht in ihrem Zentrum, der Hauptstadt? Und was ist mit dem Präsidenten? Hat es das je gegeben, dass ein Präsident mittags in einer Videobotschaft wütend harte Strafen ankündigte und abends den Putschisten die Hand reichte und freies Geleit gewährte? Erica De Bruin hat eine Vermutung, was da wirklich passiert ist.
Prigoschin hatte ein zentrales Problem
„Es ist möglich, dass das wirklich nur eine Meuterei war“, sagt Erica De Bruin. „Aber vielleicht spekulierte Prigoschin auch darauf, dass es Überläufer auf höherer Ebene geben würde, was das Ganze in einen Staatsstreich hätte verwandeln können. Prigoschin muss irgendeine Art von Unterstützung gehabt haben, denn er überquerte die Grenze und ging nach Rostow am Don, ohne dass er zurückgedrängt wurde. Und da haben die Wagner-Leute möglicherweise gesagt: Okay, lasst uns einen Versuch wagen. Mal sehen, wie weit wir kommen können.“
Nach meinem Gespräch mit Erica meldete die New York Times, dass der hochrangige und wichtige General Sergei Surowikin von Prigoschins Plänen gewusst haben muss. Das ist sehr plausibel, wenn man sich das Video anschaut, dass genau dieser Surowikin am Morgen der Rebellion aufgenommen hat. Schaut nicht darauf, was er sagt. Sondern wie er es sagt: Er ist angetrunken, desillusioniert. Das ist kein Mann, der kämpfen will, sondern eher ein Mann, der verloren hat. Er trägt keine Abzeichen, obwohl er ein General ist. Und schaut auf den Tisch vor ihm und die Wand hinter ihm. Denn exakt die gleiche Wand und der gleiche Tisch tauchen in einem ähnlich gelagerten Video des Generals Wladimir Alexejew auf. Arbeitsthese hier: Die beiden Generäle haben diese Videos nicht freiwillig aufgenommen.
Die Wagner-Leute kamen sehr weit. 800 Kilometer. Was jedoch nicht geschah: Es gab keine größere Anzahl von Überläufern innerhalb der Streitkräfte oder der anderen Sicherheitsdienste. Kleinere Verbände schlossen sich ihnen zwar an, aber keine symbolisch und militärisch wichtigen.
„Russland ist sehr gut gegen Putsche geschützt“, sagt De Bruin. Putin habe in den vergangenen Jahren vieles von dem umgesetzt, was Diktatoren tun müssen, um Umstürze zu verhindern. Er habe viele verschiedene Sicherheitsbehörden aufgebaut, die miteinander konkurrieren und sich manchmal sogar gegenseitig ausspionieren sollen. Seine höherrangigen Soldaten und Spione werden verhältnismäßig gut bezahlt und das Land sei von einem dichten Überwachungsnetz überzogen.
Und ironischerweise helfe auch der Ukraine-Krieg dabei, einen gewöhnlichen Putsch des Militärs unwahrscheinlicher zu machen, so De Bruin: „Denn ein Krieg in einem fremden Land zerstört die Loyalitätsnetzwerke, die sich zwischen den Soldaten bilden.“ Soldaten sterben, Einheiten werden verlegt und auseinandergerissen. Vertrauliche Kommunikation wird schwieriger. Loyalität und Vertrauen brauche aber, wer im Geheimen einen Putsch planen wolle.
Die hybride Kriegsführung kommt nach Russland
„Was wir gesehen haben, war extrem“, lautet selbst das Urteil der Expertin. Statistisch gesehen gäbe es jedes Jahr neun Putschversuche, mehr als 500 waren es allein in den letzten 60 Jahren und die Hälfte davon waren erfolgreich. Aber für so etwas wie Prigoschins Aufstand gäbe es keinen Präzedenzfall in der Geschichte, sagt De Bruin.
Es waren putschende Meuterer, meuternde Putschisten. Was wir sehen konnten, war nicht wahr und was wahr ist, konnten wir nicht mehr wissen, weil alles so verwirrend gewesen ist, so „extrem“, wie De Bruin sagt. Zugleich muss man wissen: Unter Putin wurde in den vergangenen Jahrzehnten die Methode der sogenannten hybriden Kriegsführung perfektioniert. Der Gegner wird dabei bewusst im Unklaren darüber gelassen, wer und mit welchen Motiven agiert. Gezielt werden Grauzonen genutzt; und es bleibt unklar, wer Feind und wer Freund ist. Die völlige Verwirrung des Gegners und der Öffentlichkeit ist dabei nicht nur Propagandabeiwerk einer Militäraktion. Es ist die Aktion.
Auf den Seiten der Bundeswehr findet ihr eine Einführung in das Konzept der hybriden Kriegsführung.
Die abzeichen- und auf den ersten Blick staatenlosen „grünen Männchen“, die 2014 die ukrainische Krim besetzt hatten, und offiziell nicht zu Russland gehörten (aber natürlich russische Soldaten waren), sind das beste Beispiel für diese Methode. Doch nun, so scheint es, haben Prigoschins Leute diese Art der Kriegsführung eigenmächtig zu Hause angewandt – und den sonst so distanzierten, doppelbödigen Putin aus der Reserve gelockt.
In der Videoansprache, die er nach Beginn der Meuterei hielt, war Putin ungewöhnlich wütend und ungewöhnlich direkt. Er verglich die Situation mit dem Jahr 1917, als die Februar-Revolution in Russland die Kriegsniederlage und das Ende des Zarenreiches eingeleitet hatte. Putin legte nahe, dass dieser Aufstand Russlands Niederlage in der Ukraine und das Ende seiner Präsidentschaft hätte bedeuten können.
Er selbst machte aus der Meuterei einen Putschversuch. Vielleicht tat er es, um zweifelnde Truppen hinter sich zu sammeln. Vielleicht, Putin soll sich ja in den vergangenen Jahren viel mit Geschichte beschäftigt haben, wusste er aber auch, dass eine Meuterei nur selten ein Ende ist und viel öfter ein Anfang von etwas.
Meutereien sind oft nur der Anfang
„Die Forschung zeigt, dass Meutereien oft Putschversuchen vorausgehen“, sagt Erica De Bruin. „Es gibt eine statistische, kausale Verbindung zwischen diesen beiden Dingen.“ Die Meuterei, so De Bruin, zeige eine „tiefe Unzufriedenheit mit Teilen des Militärs oder des Sicherheitsapparates“. Oft gingen Meutereien von Soldaten mit niedrigeren Rängen aus und richteten sich gegen die Generäle. Die Generäle allerdings handelten auf Anweisung der zivilen Führung eines Landes. In diesem Fall war es anders: Bevor Prigoschin den Aufstand probte, gab es eine Anweisung des Verteidigungsministeriums, unterstützt von Putin: Er und seine Wagner-Miliz sollten sich vertraglich der russischen Armee unterordnen. Das wäre das Ende der Miliz gewesen.
Die Studie, auf die sich De Bruin hier bezieht, findet ihr hier. Sie schaut auf Afrika – auf diesem Kontinent gibt es im Vergleich zu den anderen die meisten Putschversuche.
Bei meiner Recherche ist mir auch ein Buch von Naunihal Singh begegnet: Er hat auf der Grundlage von Interviews und eines quantitativen Datensets Putschversuche durch die Brille der Spieltheorie untersucht. Seine These: Putsche sind vor allem dann erfolgreich, wenn die Putschisten von Anfang an so tun, als könnten sie auf keinen Fall verlieren. Salopp gesagt: Fake it, till you make it.
Als im Jahr 2016 Militärs versuchten, den türkischen Präsidenten Erdoğan zu stürzen, konnten sie genau dieses Narrativ nicht setzen. Früh wandte sich Erdoğan per Live-Video-Chat an seine Unterstützer und mobilisierte sie. Er konnte sich dabei auf Loyalitätsnetzwerke stützen, die er schon lange vorher aufgebaut hatte, wie es in dieser Studie heißt.
„Es ist also klar: Auch wenn das Ziel technisch gesehen die militärische Führung war, war es auch eine Kritik an der zivilen Führung des Landes. Aber sobald die Menschen wissen, dass es diese Art von Unzufriedenheit gibt und dass möglicherweise nicht jeder das Regime verteidigen wird, sind mehr Menschen bereit, sich an einem zukünftigen Putschversuch zu beteiligen.“
Prigoschins Nicht-Putsch mit Panzern zeichnete sich tatsächlich dadurch aus, dass er nirgendwo direkt den russischen Präsidenten kritisierte. Seine (veröffentlichten) Forderungen betrafen das Verteidigungsministerium und die Kriegsstrategie in der Ukraine. Allerdings muss das nichts heißen.
Nachdem die deutschen Matrosen der kaiserlichen Marine 1918 den Befehl verweigert hatten, veröffentlichten sie eine Liste mit 14 Forderungen. Nur eine davon betraf die Verfasstheit des ganzen Reiches. Es war die Forderung nach Rede- und Pressefreiheit. Aber der Matrosenaufstand breitete sich aus und in den anderen Städten, in München, Köln und Berlin, war nur wenige Tage darauf noch eine andere Forderung immer häufiger zu hören: die nach der Abdankung des Kaisers.
Redaktion: Andrea Walter, Schlussredaktion: Susan Mücke, Fotoredaktion: Philipp Sipos, Audioversion: Christian Melchert