„Wenn ich aus dem Haus gehe, bin ich nicht sicher, ob ich wieder zurückkehren werde”, beschreibt Ajmal seine Situation. Immer begleitet ihn der Gedanke, von der nächsten Bombe zerfetzt zu werden, sobald er einen Fuß vor die Tür setzt.
„Jedes Land macht einmal schwere Zeiten durch“, beschreibt ein anderer die Lage. Hamid Karsai, Ex-Präsident, heute noch immer eine wichtige politische Größe im Land, den ich für diesen Beitrag interviewt habe.
Zwei Männer, beide leben in Afghanistan. Und doch trennen sie Welten. Der erste, Ajmal, will schleunigst weg. Der zweite, Karsai, sagt: Alles nicht so schlimm.
Das sehen die meisten seiner Landsleute allerdings anders. Wer das nicht glaubt, muss sich nur zusammen mit Ajmal vor das Passamt in Kabul stellen. Gelangweilt patrouillieren hier Polizisten, im Minutentakt betreten und verlassen Menschen mit Mappen unter dem Arm das Gebäude. Die Sonne knallt, Staub durchsetzt die trockene Luft. Während einige auf den Boden sitzen und in der Hitze ausharren, um endlich an die Reihe zu kommen, bietet ein kleiner Junge kalte Getränke an, die er in einer Kühlbox herumschiebt.
Auch Ajmal wartet hier im Schatten eines Baumes. Er 27 Jahre alt, trägt ein legeres Sakko und viel Gel in den Haaren. In den letzten Jahren war er nach eigenen Angaben als Dolmetscher für NATO-Truppen tätig. Nun will er gemeinsam mit seiner Familie Afghanistan verlassen. „Die Sicherheitslage in Kabul ist kaum auszuhalten“, sagt er.
Vor allem junge Menschen wollen raus aus ihrem Land. Ihr Ziel: meist Europa, die USA oder Australien. Doch dort sind sie nicht automatisch willkommen. Europa etwa kämpft um eine gemeinsame Flüchtlingspolitik, die vor allem die Flüchtlingsströme reduzieren soll. Deutschland verhandelt ein Rücknahmeabkommen mit Afghanistan, um leichter abschieben zu können. Und Australien wendet sich gleich direkt an potenzielle Auswanderer: Wer in Afghanistan in diesen Tagen ein populäres Video bei Youtube ansieht, wird zuerst von der australischen Regierung begrüßt. Mittels eines speziell auf Afghanen ausgerichteten Clips will sie die Zuschauer davon überzeugen, keineswegs nach Australien auszuwandern. Aus dem potenziellen Flüchtling soll am besten gar keiner werden. Millionen wurden in die Kampagne investiert.
https://www.youtube.com/watch?v=OpVsP6PdYho
Besonders wirksam sind derartige Aufrufe jedoch nicht, wie die Schlange vor dem Passamt in Kabul deutlich macht. Selbst am Tag vor dem islamischen Opferfest warten hier zahlreiche Menschen auf ihre Dokumente, um endlich ausreisen zu können. Denn es gilt: Wer aus Afghanistan raus möchte, versucht dies anfangs weiterhin über den legalen Weg – erst werden Ziele wie der Iran oder die Türkei anvisiert. Doch dafür benötigt man einen afghanischen Reisepass. 5.000 Afghani, rund 70 Euro, kostet der neue Pass, der im vergangenen Jahr eingeführt wurde. „Die Regierung weiß, dass viele Menschen das Land verlassen möchten“, sagt Ajmal. „Dank des neu eingeführten Passes verdient sie gutes Geld damit.“
Auch Zabihullah will raus aus Afghanistan, allerdings nur zum Studieren. Der 24-Jährige stammt aus der Provinz Wardak und hat gerade seinen Bachelor an der Kabuler Universität abgeschlossen. Zabihullah hat ein Visum für den Iran beantragt, wo er einen Masterstudiengang beginnen möchte. Dafür braucht er einen neuen Pass. Dass viele Afghanen ihrem Land endgültig den Rücken kehren, kann er nachvollziehen. „Die wirtschaftliche Situation in Afghanistan ist katastrophal. Abgesehen davon herrscht Krieg, und zwar überall im Land. Ich will dennoch zurückkehren und meine Heimat irgendwann aufbauen.“
Zu arm, um das Land zu verlassen
Über zwölf Prozent der afghanischen Bevölkerung befinden sich auf der Flucht. Nach Menschen aus Syrien stellen Afghanen weltweit die größte Gruppe der Geflüchteten dar. Doch es gibt Unterschiede: Menschen wie Zabihullah und Ajmal verfügen über einen gewissen Wohlstand. Beide können sich die Ausreise leisten. Die Ärmsten der Armen trifft man jedoch kaum vor dem Passamt – und wenn, dann als Bettler oder Tagelöhner. Im Gegensatz zur überschaubaren, wohlhabenden Mittelschicht sowie der sehr kleinen, reichen Elite, die sich seit dem westlichen Militäreinsatz im Land gebildet hat, können sie sich keine Flucht ins Ausland leisten, geschweige denn in westliche Staaten. Rund 1,2 Millionen Afghanen sind daher Binnenflüchtlinge, die meist von einer Provinz in die andere fliehen.